Merle
2004
Seit dem 2.10.2004 weiß ich das
du in mir wohnst. Es war ein Schock zu wissen, dass ich dich Anfang Juni
erwarten werde. Dein Vater, deine Großeltern und sogar ich waren
mächtig überfordert mit dieser Gewissheit. Ich habe dich mittlerweile
akzeptiert, ich habe mich für dich entschieden und ich werde ich
auch großziehen. Ich bin deine Mutter und ich werde versuchen mein
Bestes zu tun. Dein Vater ist immer noch überfordert und redet von
Hassgefühlen. Ich hoffe das er seine Meinung irgendwann mal ändern
wird.
Am Montag dem 23.11.2004 war ich beim Frauenarzt. Ich hatte Angst dir sei etwas
zugestoßen durch den ganzen Stress den ich hier, auch teils wegen dir hier
Zuhause habe. Wie es sich rausgestellt hat, ist alles in Ordnung mit dir. Ich
habe deine Wirbelsäule, deine Rippchen und dein Herzchen erkennen können.
Ich freue mich auf dich, dich irgendwann in meinem Arm halten zu können
und zu sagen das du mein Baby bist. Dein Vater wird bei deiner Reise ins Leben
dabei sein. Es war mein Wunsch. Er soll ich überzeugen davon, dass du auch
sein Baby bist, er soll dich sehen, wenn du meinen Körper verlässt
und er soll auch verstehen, dass du auch seine Liebe zum groß werden brauchst.
26.11.2004
Heute hast du mir ziemliche Bauchschmerzen bereitet, ich konnte noch
nichtmal richtig in der Schule am Hauswirtschaftskurs mitmachen. Ständig drückst
du mir auf die Blase so das ich auch immer häufiger alle 15 Minuten aufs
Klo muss. Ehrlich gesagt, dass ist nicht grad schön, aber so merke ich jedenfalls
das du da bist. Ohh mein Gott ich muss schonwieder aufs Klo.. Jetzt sind es noch
ca. 190 Tage bis du auf die Welt kommst. Die Zeit rennt und rennt, als wäre
es erst gestern gewesen wo ich zu wissen bekamst das du in mir wohnst. Und jetzt
bist du schon 6 cm groß und man kann dich schon als ganzen Menschen erkennen.
Außerdem ist es jetzt endgültig vorbei mit dem Thema „Abtreibung“ denn
ich bin mittlerweile in der 13. Woche und es ist gar nicht mehr erlaubt. Deinen
Vater und meinen lieben Freund habe ich auch endlich zurück, nachdem es wohl
einem kleinen Sechstklässer spaß gemacht hat dir deinen Vater wegzunehmen.
Dem habe ich aber mächtig bescheid gegeben. Aber ich denke das hast du mitbekommen.
Jetzt habe ich auch immer ein Lied, dass ich höre wenn ich dir hier in dieses
Tagebuch schreibe, dass du irgendwann mal lesen wirst, wenn du es kannst. Ich
habe mir vorgenommen, dieses Buch auch weiterzuführen wenn du auf der Welt
bist, damit du nachlesen kannst wie deine Mutter, ein 16 jähriges Mädchen
inmitten der Pubertät es geschafft hat dich großzuziehen. Ich weiß nicht
ob du oder irgendwer dieses Lied in 10 Jahren wenn du dies liest noch kennt,
aber das Lied welches ich dir gewidmet habe ist von Bryan Adams, HERE I AM! Ich
fühle mich diesem Lied und dir so nahe, weil es von jemandem handelt, auf
dem gewartet wird, der jetzt da ist und der ein junges Herz hat, genauso wie
du, das kleine Herzchen, welches ich immer auf dem Ultraschall winzig klein schlagen
sehe, mir denken kann, das bist du, mein kleines Baby, mein Kind, mein ein und
alles...
27.11.2004
Heute habe ich mich so gefreut Niklas zu sehen das ich ihm gesagt habe,
ich würde
von ihm verlangen er sollte mich nach dem Essen anrufen. Was heißt das
wohl? Streit wie immer, und das am Wochenende.. Ich werde ihn später mal
anrufen, mal sehen was er sagt. Wenn er keine Lust hat mich zu sehen, dann ist
es eben so. Dann kann ich da auch nichts mehr bei machen, obwohl ich ihn gerne
wieder im Arm halten würde und mit ihm kuscheln, usw.. Ist eine Trennung
wohl besser für uns? Ich meine, was willst du, und was will ich mit einem
Mann, der dich, der sein eigenes Kind hasst? Ich habe immer noch die Hoffnung
darauf, das er das vielleicht nur so sagt, in der Hoffnung ich würde dich
abtreiben. Das tue und ich kann es nicht mehr. Er muss es mal kapieren. Und ich
muss endlich kapieren das ich meinen Freund nicht so vereinnahmen sollte, wenn
ich ihn doch so liebe. Achja, den Höhepunkt hätte ich knapp vergessen:
Er will einen Vaterschaftstest machen lassen. Sagmal vertraut er mir denn kein
Stück mehr, nach der Polizeigeschichte? Ich habe doch nur sein Leben gerettet..
Niklas ist dein Vater, dein leiblicher, dein biologischer Erzeuger, usw.. Vielleicht
wirst du irgendwann mal einen anderen Mann als Vater bezeichnen, wenn alles so
weitergeht, aber ich hoffe das Niklas sich mal ändert. Dein Vater hat so
viel drauf und er kann soviel schaffen, aber er zweifelt daran. Und ich bin immer
noch der Meinung, dass das alles an seiner ach so tollen Heimumgebung liegt.
Die Leute beeinflussen ihn total. Er verändert sich ihnen zuliebe, er ist
nicht mehr der, der er einmal war. Er versteht das nicht. Nur ich kann das, weil
ich darunter leide. Aber das tue ich manchmal auch gerne, für einen Moment
in seinen Armen....
17.12.2004
Da bin ich mal wieder. Voller Trauer. Dein Vater, mein Freund hat mich
für
immer verlassen. Den wahren Grund weiß ich noch nicht, aber ich weiß,
dass es nicht der Grund ist, dass wir beide nicht mehr zusammenpassen. Ich soll
seinen Namen am Amt nicht sagen, damit er später nicht mehr für dich
bezahlen muss. Aber das mache ich nicht. Er hat eine Chancse auf eine normale
Ausbildung. Und wenn er dir keine Liebe schenken will, soll er jedenfalls die
380 Euro im Monat zahlen. Ich bin total weit unten. Wir sind nicht zerstritten,
doch tut es wirklich weh zu spüren, alleine zu sein. Aber ich hatte einmal
einen Traum. Ich bin ein Einzerlgänger, habe nicht viele Menschen die wirklich
voll hinter mir stehen, aber einen gab es immer. Im moment weiß ich nicht
wer dieser Mensch sein soll. Jedoch träume ich immer häufiger von ihm,
genauso wie ich vor unserer Zeit von deinem Vater träumte. Also gibt es
einen Menschen, der mich und dich irgendwann so akzeptieren wird, wie wir sind.
Ich kann diesen Schmerz nicht beschreiben. Weißt du, dein Vater hat mir
die schönsten Tage dieses Jahres verdorben. Meinen Frankreich Urlaub, wo
er mich belog. Meinen Geburtstag, wo er mich abstempelte. Und jetzt das Weihnachten,
wo er sich gegen meine Träume, unsere Familie und unsere Liebe entscheidet.
Aber das wird das letzte Mal sein. Ich habe mir vorgenommen, dass du und auch
nicht ich weiter unter diesem Stress leiden sollst. Es ist zwar schade, aber
nicht zu ändern. Ich werde den Menschen finden, der uns beide so akzeptiert
und so liebt wie es ein Vater tun sollte. Betrachte Niklas Benjamin Janz als
deinen Erzeuger, aber nicht als deinen Vater. Ich möchte die Worte die er
gegen dich sprach nicht in diesem Tagebuch wiederholen, dass du doch irgendwann
lesen sollst.
Jetzt kommen wir mal zu deiner Entwicklung. Montag war ich bei Doktor Becker
in Bredstedt, weil ich wegen der Gastritis vor drei
Wochen beunruhigt war.
Ich freue mich schon richtig dolle auf dich, wenn ich dich endlich in meinen
Armen schließen kann und sagen kann: Du bist mein Baby. Wie auch immer.
Das geplante Sylvester mit Niklas fällt aus. Ich denke ich werde etwas mit
Tina unternehmen. Ob du die Böller die wir dann loslassen schon hören
kannst? Hoffentlich ist es dir nicht zu laut. Am 5. Januar bekomme ich vielleicht
zu wissen ob du ein Junge oder ein Mädchen wirst. Namen habe ich schon ;)
Ich muss jetzt zur Ruhe kommen. Das Wetter ist richtig schlecht draußen
und ich muss morgen früh raus. Zum Glück ist das die letzte Woche,
dann macht deine Tante weiter. Ich wünsche dir eine gute Nacht, deine Mutter.
22.12.2004
Ja, Weihnachten steht kurz vor der Tür. Der Weihnachtsbaum steht
draußen
und wartet dadrauf, dass er morgen geschmückt wird. Winterlich ist es hier
kaum, aber davon würdest du auch nicht viel mitbekommen. Du machst mir in
letzter Zeit ziemliche Schwierigkeiten, du fängst an mich zu treten und
das nicht zu wenig. Heute morgen habe ich beim Zeitungen Austragen die erste
Karte bekommen, in der auch du erwähnt wurdest. „Alles Gute für
dich und dein Baby“, stand drin. Ich fands nett. Es wissen jetzt so ziemlich
alle, dass du unterwegs bist. Bei meiner Praktikumsanfrage wurde auch nach dir
gefragt. Ich bin glücklich, dass alles so ist wie es ist. Nur dein Vater
macht mir immer noch Sorgen. Ständig muss ich von ihm Träumen, Tagsüber
sowie auch in meinen nächtlichen Träumen. Mir gefällt das absolout
nicht, wo ich doch denke halbwegs über ihn hinweg zu sein, denn ihm nachheulen
muss ich nicht mehr. Es ist so wie es ist. In der letzten Zeit, so komisch wie
es sich auch anhört, habe ich die sogenannte „Vormilch“.
Das nervt, denn immer wenn ich ein neues T-Shirt anziehe ist es bald nass und
wenn diese Milch trocknet, dann ist es ganz rau und scheuert. Diese Milch wird
immer mehr. Aber es ist die Milch, die dich bald die ersten Monate über
versorgen wird. Meine Essgelüste habe ich eingestellt. Ab und zu noch eine
Pizza und das Essen von MC Donalds das ich gestern hatte, bleibt auch eher bei
einer Ausnahme. Salat mag ich total gerne. Ich hätte niemals gedacht, dass
alle mal so begeistert und gespannt auf dich sind, sogar deine Ur – Oma,
fragt schon nach dir und meinem jetzigen Wohlbefinden. Ich sage es mal so, ich
glaube dass du ein Lukas Benjamin wirst, denn ich habe einfach nur dieses Gefühl.
Aufjedenfall ist die Liebe, die ich für dich empfinde, schon jetzt unglaublich
stark und ich könnte es wahrscheinlich nicht verkraften und auch nicht überleben,
dich jetzt zu verlieren. Nur noch 8 Wochen, dann kannst du im Notfall einer Frühgeburt auch
schon dann überleben. Aber sowas ist nicht das wahre, noch drei Monate
lang an Maschinen angeschlossen zu sein. Bleibe solange wie möglich in meinem
Bauch, denn dahin wirst du niemals wieder zurückkommen, und dort bist du
vorerst auch noch am sichersten. Obwohl man auch das neuerdings bezweifeln kann,
wenn man einen Blick in die Zeitung wirft. Aber genug davon. Jetzt sind endlich
Ferien und ich freue mich auf das leckere Weihnachtsessen übermorgen, dass
ich in 48 Stunden auch schon hinter mir habe. Ob du schon schmecken kannst, was
ich esse? Nee.. das war doch erst 22. Woche, oder nicht?! Jetzt bin ich in der
17. man merkt doch, das die Zeit rennt und rennt, nur noch eine Woche und ich
kann sagen:,, Dieses Jahr kommst du zur Welt!“ Das Halbjahr wird schnell
rumgehen. Ich werde mich auf die Suche nach einer neuen Liebe machen, die auch
dich akzeptieren wird. Aber das hat noch Zeit. Bevor ich noch eine Enttäuschung
erlebe, möchte ich erstmal selber ein bischen Zeit für mich und dich
haben. Vergessen zu sagen habe ich noch, dass ich anfange dir abends zu erzählen
und morgens Lieder zu singen. Ich hoffe es gefällt dir, hören kannst
du mich ja schon. Es soll dich an deine Mutter gewöhnen, an mich. So, ich
möchte jetzt noch ein bischen mit deinen Großeltern und deiner Tante
fernsehen schauen. Gute Nacht mein Kleines, ich liebe dich!
25.12.2004
Weihnachten gut überstanden. Gleich kommen Lars und Gesa und Johannes zum
Essen. Zu Weihnachten habe ich eine DigiCam mit Zubehör und einen Teddie
mit Baby bekommen, der uns signalisieren soll. Außerdem habe ich in einem
der Weihnachtspakete einen blauen Strampler für dich entdeckt. Ich war voll
gerührt. Deine ersten Anziehsachen. Aber immer quälst du mich noch
mit extremen Bauchschmerzen und ich kann nicht einmal beurteilen was das ist,
bzw. ob es gefährlich ist oder nicht. Ich kann es kaum noc erwarten bis
der 5. Januar ist. Ich habe soviele Fragen an den Frauenarzt und ich würde
auch endlich gerne wissen ob du eine Merle oder ein Lukas wirst. Diese Warterei
macht mich verrückt.. Die Antwort bald zu wissen ist genauso toll als vor
einem Weihnachtsgeschenk zu sitzen und es gleich aufzupacken. Von deinem Vater
hört man ja sogar in Ostenau Horrorgeschichten, angelogen hat er mich auch
schonwieder, aber das ist mir egal. Das einzige was ich weiß, sofern es
stimmt, ist das er wohl einen MP3 Player für 300 € bekommen hat. Außerdem
haben es nichteinmal deine Großeltern aus Bredstedt nötig sich zu
erkundigen wie es mir und vielleicht auch dir geht. Das finde ich total krank
und wenn ich ehrlich bin möchte ich mit niemanden von diesem Volk mehr zu
tun haben. Du bist ein Gärtner und kein Janz und wirst es auch vorerst bleiben.
Kommen wir zu meinem Weihnachtsgeschenk.
30.01.2005
Lange ist es her, wo ich das letzte Mal geschrieben habe. Einen Termin
hatte ich am 05.01 und wie es scheint, wirst du ein Mädchen, eine kleine Merle.
Sicher ist das noch nicht, ich hoffe das der Arzt das am 07.02 bestätigen
wird. Seit neustem spüre ich deine Tritte schon, deutlich und kräftig.
Ab und zu kann man sogar schon beobachten wie sich die Bauchdecke wölbt
und hebt an der Stelle wo du gerade am Treten bist. Eine Hebamme habe ich nun
auch, die sogar schon das erste CTG von dir gemacht hat. Ich habe dein Herzchen
gehört.. es war wunderschön. Jetzt bin ich in der 22. Woche. Mehr als
die Hälfte habe ich jetzt tatsächlich schon hinter mir, der schwierige
Teil beginnt allmählich. Oben werden wir beide unser Reich bekommen, damit
wir nicht so von deinem Opa gestört sind. Langsam schaue ich mich auch schon
nach Kinderwagen, Babysafes etc.. für dich um und die ersten Anziehsachen
und das erste Kuscheltier für dich haben sich bereits angesammelt. Ich merke
immer mehr das ich die gesamte Schwangerschaft doch sehr gut zurechtkomme, auch
ohne deinen Vater. Er schickt mir neuerdings Drohmails, in denen er abstreitet
er wäre nicht dein Vater. Aber ich weiß es doch ganz genau. Ich glaube
es wird auch Zeit für ein neues Babybauchbild, der Bauch ist gewachsen und
das nicht wenig. Mein Zeugnis war schlecht, mehr als schlecht. Ich muss mich
jetzt ordentlich anstrengen, damit ich die Kurve noch bekomme. Hach, wie ich
mich schon freue wenn du endlich da bist, ich dich endlich auf den Arm nehmen
kann und auch endlich wirklich verstehen kann, dass es dich tatsächlich
gibt. Auch wenn ich weiß das es in Zukunft nicht alles einfach werden wird,
sehe ich der Sache doch optimistisch entgegen. Ein Vaterschaftstest wird auch
umgehend nach deiner Geburt gemacht, damit diese lächerlichen Zweifel deines
Vaters endgültig aus dem Weg geräumt werden. Wie gerne würde ich
diesen Menschen ohrfeigen, aber ich darf kein Risiko eingehen, sonst tritt dieser … mir
zuletzt noch in den Bauch!! Nein, nein, das hebe ich mir für dann auf, wenn
du außerhalb meines Bauches bist. Ich hoffe das du noch mindestens 13 Wochen
drinnen bleibst, obwohl du schon jetzt überlebensfähig wärest.
Aber ich möchte das du gesund zur Welt kommst und nicht noch drei Monate
an einem Inkubator angeschlossen sein musst.
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